Abschottung | Schutz | Überwindung

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Hören wir das Wort „Mauer“, fallen einem ganz verschiedene Bezüge ein, wie alte Burgen oder die eigenen vier Wände. Manch einer hat vielleicht die Rufe von politischen Strömungen oder Staatsoberhäuptern im Ohr, welche Mauern errichten wollen. Und schließlich wissen wir auch um eigene Maueren, die wir in uns tragen und mit und denen wir uns bewusst – und auch unbewusst -auseinandersetzen. So erfährt der Begriff „Mauer“, ausgehend von dem historischen Ereignis 1989, einen Wandel vom geschichtlicher Tatsache hin zum biografisch, essentiellen Thema, das jeden Menschen angeht. Wo sind meine Mauern? Wen lasse ich an mich ran? Wie weit kann ich mich öffnen? Gibt es Fenster, Türen oder Tore, um sie zu durchschreiten – oder braucht es einen Vorschlaghammer?

Zum Jubiläum der friedlichen Revolution 1989 und dem damit verbundenen Fall der Mauer zwischen der damaligen Bundesrepublik und der DDR befasst sich das Fotoprojekt 

„Abschottung | Schutz | Überwindung“

 mit der Thematik Mauer. 52 unterschiedliche Teilnehmer aus Meiningen und näherer Umgebung werden sich der Herausforderung stellen und eine Antwort auf die Frage

„Wie sieht es mit Mauern in deinem Leben aus?“

zu formulieren. Die spannenden Antworten werden von Januar bis Dezember 2019 wöchentlich im Meininger Tageblatt und online auf den Homepages der Stadt Meiningen (http://www.meiningen.de) und von Ivonne Fuchs (https://ivonnelesserfuchs.de/tag/meiningen)  veröffentlicht. 



Nirgendwo fühle ich mich so sicher, wie innerhalb meiner eigenen vier Wände, im Übertragenen innerhalb meiner eigenen „Schutzmauern“. Hier kenne ich alles, hier fühle ich mich geborgen, habe nur die um mich, denen ich Einlass gewähre,
mit denen ich mich wohl fühle. 
Doch bleibe ich zu lange innerhalb meiner eigenen Mauern, bekomme ich einen Budenkoller, mir fällt „die Decke auf den Kopf“. Deswegen ist es so wichtig, dass die Mauern Türen und Fenster haben, damit ich hinausgehen kann, über den eigenen Tellerrand schauen, Neues entdecken kann. Nur so bleibt das Leben bunt und aufregend.

Ilona Schimoneck, Meiningen



Als Kind habe ich viel über eine unendliche Stacheldrahtmauer, die ganz nah an unserem Wohngebiet (in Bratislava, Slowakei) war, gehört. Erst später habe ich ihre wirkliche Bedeutung verstanden. Erst später habe ich verstanden, dass ich kleiner Zeuge eines Happy Ends – des Falls der Mauer wurde. So wurde es immer bei uns zu Hause empfunden. Die vielen unglücklichen Schicksale, die vielen Geschichten und dann diese unglaubliche bewegende Atmosphäre, die aus den friedlichen Menschenmassen strömte – auf der Straße, zu Hause, in der Schule, in der Kirche, bei Freunden – überall. Mit 10 habe ich nur sehr wenig verstanden, trotzdem hat sich das Ganze auf mich als Kind übertragen. Eins war bei uns zu Hause klar, wenn diese Mauer fällt, wird alles anders – frei. Meine Eltern haben uns Kindern immer die Dankbarkeit für die Freiheit eingeprägt –  trotzdem, dass Vieles anders wurde als man sich es vorgestellt hat. Man hat die freie Wahl und kann freie Entscheidungen treffen. … Dafür bin ich dankbar. Und ob wir die Mauern brauchen? Es werden heute wieder viele Mauern gebaut – die aus Draht aber auch die Unsichtbaren in uns – in mir. Als ob wir sie immer wieder bräuchten, um sie dann in einem Kampf wegen der Unfreiheit, Engheit und der Einschränkung wieder fallen zu lassen, um uns auf dieses Freiheitsgefühl immer wieder erinnern zu können, da wir es so schnell vergessen … 
Ps. In meiner Heimat stehen seit ein paar Monaten wieder Menschenmassen auf den Straßen wie damals vor 30 Jahren und kämpfen friedlich für die Freiheit und Anständigkeit im Land, die ihnen langsam von ein paar Mächtigen geraubt wird …


Lenka Kovac, Meiningen